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THE GREAT PRETENDER

Wie ordnen wie also letztlich einen so einzigartigen, so chamäleonhaften Künstler wie Freddie Mercury ein? Zweifellos war er ein Popstar (und, dass sollte nicht vergessen werden, eine Zeitlang auch ein Rockstar); er war ebenfalls ein Entertainer par excellence, eine Diva, ein Risikofreudiger, der jedem die Schau stahl. Aber gleichzeitig war er viel größer und vielschichtiger als irgendeines dieser Etiketten.

 

 

In einer Epoche, in der Rockmusik ihre eigene Bedeutung neurotisch ernst nahm und unter den damit einhergehenden Ängsten und Sorgen litt, schuf Freddie Mercury ein öffentliches Image und eine Serie von Persönlichkeiten, die an eine längst vergangene Zeit erinnern, in der Unterhaltung und Flucht vor dem Alltag noch Hand in Hand gingen, in der es bei Unterhaltung im Wesentlichen um Wirklichkeitsflucht ging. "Ich glaube, Queen-Songs sind reine Wirklichkeitsflucht," sagt er im zusammengesetzten Interview, das diesem Paket beiliegt, "genau wie ein guter Film. Danach können sie (das Publikum) nach Hause gehen und sagen 'Das war toll!', und wieder zu ihren Problemen zurückkehren".

 

 

 

Es gibt einen großartigen und immer noch relevanten Hollywood-Film aus dem Jahr 1941 namens 'Sullivan's Travels', geschrieben und unter der Regie von Preston Sturges. Der Filmheld ist ein ungemein erfolgreicher Hollywood-Studiodirektor - der Sullivan aus dem Titel - dessen romantische Komödien allesamt riesige Kassenerfolge gewesen sind. Er will jedoch etwas Sinnvolles tun, etwas künstlerisch und gesellschaftlich Wertvolles, und beginnt somit eine Reise durch Amerika in der Zeit der Depression. Er verkleidet sich als Landstreicher, um Forschung für einen Film mit sozialem Gewissen über das Schicksal des kleinen Mannes zu betreiben. Nach einer Reihe von Abenteuern, u.a. einer irrtümlichen Verhaftung, wird ihm klar, dass der kleine Mann keine sozialen Botschaften oder politische Erziehung will, sondern... Sie haben es erraten... Unterhaltung, Wirklichkeitsflucht.

 

 

 

Freddie Mercury brauchte diese Entdeckungsreise nie zu machen: Jede Faser seines Wesens, jeder Impuls trieb ihn dazu, größer, blendender, dreister zu sein als alle anderen, und sagte ihm, dass pure, unverfälschte Unterhaltung - der Triumph des Schauspiels, der Illusion - ein würdiges und erhebendes Ziel an sich waren. Da er so hundertprozentig dem Konzept von Rockmusik als Unterhaltung verschrieben war (und somit auch dem Konzept von Unterhaltung als Wirklichkeitsflucht), glaubten wir - besonders wir Kritiker - Freddie in- und auswendig zu kennen. Wir dachten, wir hätten ihn auf eine Formel gebracht. Wir sahen ihn - sowie er sich in der Tat selbst gelegentlich sah - als The Great Pretender, der Verkleidungen, Persönlichkeiten und Images anlegte wie gewöhnliche Sterblich ihre Kleidung. Weil er, wie er uns immer und immer wieder gesagt hat, einfach "von Natur aus ein Performer", ein "Extrovertierter" war, gestehen wir ihm kein Körnchen der popkulturellen Bedeutung zu, die wir viel weniger erfolgreichen, aber "ernsthaften" Künstlern zumessen. (Interessanterweise schrieb Kurt Cobain, Sänger der amerikanischen Band Nirvana und letzte große Galionsfigur des angstgebeutelten Rock-and-Roll, in seinem Selbstmordbrief, dass er das Gefühl habe, seinen Fans nicht genug zu bieten und nie ein großer Entertainer "wie Fredie Mercury" sein zu können. Sowohl Beck als auch Sonic Youth, zwei getreue Verfechter des amerikanischen Independent Rock, haben Queen II als einflussreiches Album benannt.)

 

 

Da er bewusst den ganzen normalerweise mit Rock-and-Roll einhergehenden Ballast ignorierte - die Angst, die Sorge, das Leiden für die Kunst - haben wir ihn in einer Ecke zu den Akten gelegt, die sich einfach und abwertend "Unterhaltung für die Massen" nennt. (Angesichts dessen, was wir über die großen Entertainer des letzten Jahrhunderts von Chaplin bis Minelli wissen, war diese alles-verzehrende Berufung allerdings alles andere als einfach.) In gewisser Weise ist das vielleicht ganz gut so, da Freddie vermutlich der Letzte gewesen wäre, der diese Art der kulturellen Heiligsprechung gewollt hätte. Sine letzte Anweisung an Jim Beach, seinen Manager, lautete "Mach' was du willst, aber lass' mich nie langweilig erscheinen!"

 

 

Und doch wissen wir, dass es ihn verletzt hat, von den Kritikern fertiggemacht und in die Pfanne gehauen zu werden. Den Tiefpunkt bildete der inzwischen berühmt-berüchtigte Artikel in NME mit der Überschrift 'Ist dieser Mann ein Trottel'. "Ich werde von vielen gehasst..." gab er zu. "Ich glaube, ich habe gelernt, damit zu leben. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich die Kritik nicht verletzt, weil jeder verletzlich ist." Wir wissen auch, dass er sich gerächt hat - auf eine Weise, die für die selbsternannten Geschmacksgurus, die sich so überlegen fühlenden Kritikern, die Snobs der Popkultur, schmerzlicher ist als alles andere: Je mehr sie ihn ignorierten, um so größer wurde er. Und je größer er wurde, um so unmöglicher wurde es, ihn zu ignorieren.

 

 

Wie bei allen Menschen, die ein relativ kurzes, doch unglaublich reichhaltiges Leben gelebt haben, weiß man nicht recht, wie man Freddie Mercury ins Gesamtbild einordnen soll. Im Sinne der Popkultur war er bei weitem nicht so einflussreich oder vieldeutig wie ernsthaftere Pop-Ikonen wie Dylan, Lennon, Hendrix oder Price - und es wäre falsch, ihn kritisch mit ihnen zu vergleichen. Wie bereits gesagt war seine Ausgangsphilosophie einfach eine andere.

 

 

Er wollte nicht versuchen, die Welt durch seine Worte und Musik zu verändern wie Dylan oder Lennon, nicht einmal den Werdegang der Popmusik wie Hendrix oder Prince; er wollte einfach glänzen und betören, uns in seinen Bann schlagen, gar und gar, für einen kurzen Moment. Diese - wenn auch oberflächliche - Absicht ist natürlich im Grunde die Essenz aller großen Popmusik und vielleicht sogar - obwohl das Urteil hier noch aussteht - aller großen Rockmusik. Auch wenn Freddie Mercury seinem überschäumenden Ehrgeiz freien Lauf ließ (und was war Bohemian Rhapsody, wenn nicht ein klassisches Beispiel für überschäumenden Ehrgeiz, der sich stets am Rande der totalen Absurdität bewegte), war sein Werk durch eine Liebe zum Detail, aber nicht unbedingt durch Tiefe geprägt. "Es gibt keine versteckten Botschaften in unseren Songs..." bekräftigte er mehr als einmal, als wäre die bloße Idee ein Gräuel für sein Showbusiness-Empfinden. Zumindest im musikalischen Sinne war Freddie reine Oberfläche. Aber was für eine Oberfläche! Was für eine blendende, strahlende, kaleidoskopische Oberfläche. Welch Showman. Welch Zauberer. Welch Chamäleon. Bis zum Ende.

 

 

 

Wie Madonna oder Elton John oder sogar Maria Callas wurde Freddie Mercury letztlich durch die schiere Größe und Allgegenwart seiner Berühmtheit zu einem jener Stars, deren Ruhm schließlich weit über ihr Werk hinausgeht. Das heißt, er ging ins öffentliche Pantheon ein. Er wurde zu einem Star, der nicht mehr primär dafür berühmt war, was er getan hatte - Songs schreiben, aufnehmen und aufführen - sondern einfach für das, was er war - Freddie Mercury, Mega-Star. Die ist natürlich in gewissem Maße stets das eigentliche, innewohnende Wesen des Ruhmes gewesen: Am Ende ist man einfach dafür berühmt, berühmt zu sein.

 

 

Heutzutage jedoch leben wir in einer Zeit, in der Ruhm das öffentliche Bewusstsein kolonisiert hat wie nie zuvor, in der Geschichten über Prominente - und in zunehmenden Maße auch Halb-Prominente - in allen Medien haarklein berichtet werden und unsere Fantasie auf Hochtouren bringen. Die endlos an uns vorüberziehende Parade zweit- und drittrangiger Faux-Stars, deren trüber Blick uns aus den Seiten aller Tageszeitungen und Zeitschriften entgegenstarrt und unser eigenes abgestumpftes und übersättigtes Interesse reflektiert, hat den Wert, die Wertschätzung des Ruhmes gemindert. Im Zuge dessen sind wir gegen den Appeal des echten, des wahren Stars fast abgestumpft. Fast. Freddie Mercury, behaupte ich, war ein echter Star.

 

 

Manchmal haben wir es übersehen, besonders die Kritiker, die in zunehmenden Maße nach einem tieferen Sinn hinter dem Offensichtlichen suchen, aber es war immer schon da und lag klar auf der Hand: Freddie Mercury hatte jede Menge Starqualität, Charisma, Präsenz und Ausstrahlung. Zudem hatte er ein intuitives Verständnis für den Vertrag, der zwischen dem Star und seinem anbetenden Publikum besteht; ein altmodisches Verständnis, das fast an Hollywood in seiner Glanzzeit erinnerte. So war er zum Beispiel sowohl auf der Bühne als auch privat immer mehr Liza Minelli als Mick Jagger. Er war Showbusiness und er war Rock-and-Roll, aber letztlich war er doch wesentlich mehr Showbusiness als Rock-and-Roll. (Ich spreche hier vom Showbusiness der alten Schule - Garland, Astaire, sogar Valentino, mit dem sich Freddie, nur halb im Scherz, oft verglich - "Ich bin ein echter Romantiker, genau wie Rudolph Valentino".)

 

 

Er hatte die Professionalität der alten Schule und vom ersten Tag ein frühreifes Verständnis des Vertrages, den selbst Rock-and-Roll forderte: "Heutzutage reichen Musik und Talent nicht mehr aus. Man muss mehr können als nur einen guten Song schreiben. Man muss ihn 'rüberbringen und verpacken... Man muss lernen, sich durchzusetzen und gleich von Anfang an lernen, mit der geschäftlichen Seite umzugehen... Geh' raus und nimm es dir, benutze es und lass' es für dich arbeiten... Du musst es den Massen verkaufen... Das nennt sich aggressive Verkaufsstrategie."

 

 

 

Hätte er im ersten Goldenen Zeitalter von Hollywood gelebt oder zur Zeit der ersten Anfänge der Rock-and-Roll-Ära, oder wäre in den psychedelischen 60er Jahren erblüht, so hätte sich Freddie Mercury der jeweils vor ihm liegenden Aufgabe vermutlich mit Ehrgeiz, Verstand und Stil gewidmet und es ebenfalls bis nach ganz oben geschafft. So war er einfach: er dachte, handelte, lebte GROSS. Er verstand es auch, einen Hauch von Mysterium, von Privatleben zu wahren. Er wusste, wie viel er seinen Fans geben musste, und wie viel er für sich und seinen engsten Freundeskreis zurückhalten musste. Er liebte es, Partys zu geben und Geschenke zu machen und überhäufte seine wahren Freunde und Vertrauten bei jeder Gelegenheit mit sorgfältig ausgewählten, oft extravaganten Geschenken. Er genoss sein Leben in vollen Zügen, im Stil einer wahren Diva.

 

 

 

 

Rückblickend ist es also durchaus möglich, Freddie Mercury in eine Abstammung oder Tradition einzuordnen, die sogar noch weiter vom Pop und Rock-and-Roll entfernt ist, als uns dies lieb sein mag. Seine Vorliebe für Opernpossen (Bohemian Rhapsody natürlich und rund ein Dutzend anderer Songs, die zwar nicht so überspannt und extravagant sind, doch eine gewisse Ungeduld mit den Beschränkungen des reinen Rock-and-Roll ahnen lassen) ist ein Hinweis auf die vielen Einflüsse, die ihn geformt haben. Ebenso lässt seine spät erblühende Liebe zur echten Oper und zum Ballett auf eine Geisteshaltung schließen, die sich für Ästhetik und Exotik, für ältere, farbenfrohere - und vielleicht am bezeichnendsten - anspruchsvollere Unterhaltungsformen begeistert als Rock-and-Roll.

 

 

 

 

Ohne allzu tief schürfen zu müssen, lassen sich in einigen von Freddie Mercurys Songs und in seiner Darbietung dieser Songs (vor allem in seinen besonders maniriert-schwulen Momenten) auch Spuren von Kabarett und altmodischem Varieté finden. Mit seinen Kostümen und seiner Bühnenpräsenz, seinen vielfältigen Persönlichkeiten und vor allem mit seiner stolzierenden, aufgeplusterten, posierenden Begeisterung für alles Exaltierte erinnert er auch an den lang zurückliegenden Zauber von Abenden im Zirkus, beim Karneval und natürlich in der Oper. (Erinnern Sie sich noch an den engen Catsuit, der mit riesigen Augen verziert war? Purer Zirkus-Surrealismus.)

 

 

 

 

Das heißt, das bereits von Anfang an, als er sich noch in Satin, Chiffon und schwarzem Nagellack ausstaffierte, etwas Exotisches, etwas Weltfern-Entrücktes an Freddie Mercury war. Diese Zandra-Rhodes-Kostüme - also wirklich! Welch andere Rockgruppe, außer vielleicht den Stones Anfang der 70er Jahre oder den missverstandenen, unterschätzten New York Dolls, hätte so früh in ihrer Karriere alles darangesetzt, so absichtlich unmännlich auszusehen. (Interessanterweise wurde Freddie Image weniger entrückt und überspannt, nachdem er seine Sexualität akzeptiert und angenommen hatte. Seine Kostüme beschränkten sich fortan auf fast karikaturhafte Ausdrücke des Schwulseins - der schnurrbarttragende Macho, der Leder-Klon war perfekt, außer den Ballettschuhen und Socken. Es war, als müsste er sich und seine vorliebe für ungewöhnliche Kleidung auf den Arm nehmen, bevor jemand anderes es tat. Was, frage ich Sie, hätte Freud dazu wohl gesagt?)

 

 

 

 

Anlässlich der Freddie Mercury Fotoausstellung, einer posthumen Würdigung seines Lebens, die in der berühmten Londoner Albert Hall stattfand - selbst im Tod macht Freddie keine halben Sachen - schrieb Waldemar Januszczak: "Fantasien vermitteln, die in das Reich von 1001 Nacht gehören - das war Freddies Errungenschaft"- Für einen selbst-gestylten, einfachen Entertainer war dies gewiss keine geringe Leistung. Letztlich war er, davon bin ich überzeugt, ein Traumweber, ein Schöpfer von Persönlichkeiten, Masken, Mythologien - ein Fantasiekünstler. "Viele meiner Songs sind Fantasie. Eigentlich sind es nur kleine Märchengeschichten. Ich kann mir alles mögliche zusammenträumen, weil das die Welt ist, in der ich lebe." Im nachhinein sehen wir, dass er jemand war, der seine Fantasien - auf der Bühne ebenso wie privat - buchstäblich durch Willenkraft zwang, zu Realität zu werden.

 

 

 

Mit diesem Ziel vor Augen lebte er sein Leben im grellen Licht der Scheinwerfer und Blitzlichter, dich die Geschehnisse seiner letzten Lebensjahre beweisen, dass diese Lebensweise ihm weder die Seele geraubt noch die Würde genommen hat. Er blieb bis zum Ende ein Showman, ein Illusionist und Chamäleon; sowohl eine Diva, die weiterspielt, bis der letzt Vorhang fällt, als auch eine zutiefst sich selbst verpflichtete Privatperson, für die selbst im Tod noch galt: "I did it my way". Freddie Mercury, so schwer fassbar und "mercurial" wie sein Pseudonym, war einmalig, und die Popwelt ist ohne ihn weniger glanzvoll, weniger maßlos geworden. Eins ist sicher: Seinesgleichen werden wir nie mehr sehen.

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