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I WANT TO BREAK FREE

Damals waren Queen ganz einfach die Größten. Die Größten, mit der meisten Bravur, die bewusst und absichtlich Grellen, die Rockband als reines Spektakel, pure Unterhaltung. Und doch war auch eine Portion Subversion dabei. Manchmal war diese Subversion unbewusst - so entwickelte sich die Bassnummer in Another One Bites The Dust völlig außerhalb der Kontrolle der Band weiter und wurde in solchem Maße gesampelt, dass sie heute zu den musikalischen Kernmotiven zählt, die zur Entstehung eines völlig neuen Genre, Hip-Hop, geführt haben. Auch We Are The Champions und We Will Rock YouWe Are The Champions ist nicht nur zur Stadionrock-Hymne geworden, sondern auch zu einem der dauerhaftesten Fußballsongs; We Will Rock You wurde auf ähnliche Weise von amerikanischen Baseball- und Eishockeyfanatikern übernommen.

Manchmal war die Subversion wesentlich offensichtlicher, doch nicht weniger kraftvoll. Was seine Sexualität betraf, vollführte Freddie einen Seiltanz zwischen völliger Diskretion und totalem Exhibitionismus. Zwar gab er nie öffentlich zu, homosexuell zu sein, doch brachte er diese Tatsache durch seine Videos, seine verschiedenen Persönlichkeiten, sein projiziertes Ego so deutlich zum Ausdruck, dass man schon taub, blind oder gänzlich weltfremd sein musste, um seine Ausrichtung nicht zu erraten. Das plötzliche Erscheinen des Schnurrbarts, der schwule Klon-Look, das an die Village People erinnernde Macho-Image, sagten alle: "Schaut mich an! Ich bin schwul!" Er hätte ebenso gut ein großes Schild mit diesen Worten in Leuchtbuchstaben um den Hals hängen können.

"Freddie hat homosexuell gelebt", sagt seine einstige Stylistin Diana Mosley. "Er brauchte es nicht an die große Glocke zu hängen oder öffentlich bekannt geben. Er hatte diese gewisse, homosexuelle Extravaganz, aber er sah sich nicht als Galleonsfigur. Er wollte nicht öffentlich sein." Anscheinend waren viele seiner Fans anderer Meinung. Oder sie dachten einfach nicht darüber nach. Miranda Sawyer, Autorin und Popjournalistin für The Face und The Observer, spricht für viele, wenn sie sagt: "Ich bin mit der Musik von Queen aufgewachsen und habe diesen unglaublichen Typen auf Video gesehen, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, dass er schwul sein könnte. Er war einfach überlebensgroß auf eine Weise, in der echte Stars das nun mal sind. Für mich war er einfach ein irrer Sänger, der sich gerne ausgefallen anzog. Das ist die Macht von Pop-Fanatikertum - es kann blind für das Offensichtliche machen. entfernten sich Lichtjahre von ihrer ursprünglichen Bedeutung:

Der Höhepunkt von Freddies ungeheuerlicher Extravaganz, zumindest öffentlich, ist und bleibt das Video von I Want To Break Free, einem Song aus Queens dreizehntem Album, The Works, das 1984 herauskam. Dies war der Augenblick, an dem ich - ein snobistischer Rockkritiker, der Queen bis dahin als groß, doch bedeutungslos, als einfache Irrelevanz im Showbusiness, abgetan hatte - plötzlich begann, die Band in einem neuen Licht zu sehen. Eine Band, die ich mich nach besten Kräften bemüht hatte zu ignorieren, seit Bohemian Rhapsody 1975 in mein Pop-Bewusstsein vorgedrungen war. Genauer gesagt: Ich begann Freddie Mercury in einem neuen Licht zu sehen.

I Want To Break Free entstand in einer Zeit, in der die Pop-Videoform in einigen Fällen wichtiger geworden war als die Musik, für die das Video eigentlich werben sollte. Auch die Kosten waren entsprechend in die Höhe geschossen: Duran Duran, Michael Jackson und andere drehten Videos, mit denen man kleine Kinofilme hätte finanzieren können. Auch Queen war natürlich für diese Art von Extravaganz mehr als offen. Für ihre vorangehende Single, Radio Ga Ga, eine Komposition von Roger Taylor, die sich über die zunehmende Fadheit von Pop-Radiosendern lustig macht, wurden 500 Statisten angeheuert, die alle silberne Overalls trugen und im Takt zum Chor klatschten. Es war ihr bislang teuerstes Video gewesen und es hatte funktioniert: Die Single wurde in 19 Ländern in aller Welt die Nummer 1. Vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass der band jetzt auch der Durchbruch im amerikanischen Mittelwesten gelungen war - ein wichtiger Markt, der seit der Blütezeit von Led Zeppelins alles-erobernden Cock-Rock diversen britischen Invasionen getrotzt hatte - war I Want To Break FreeAnother One Bites The Dust, auf den Leib geschrieben, und Freddie nutzte die Gelegenheit, sich erneut auf Video zur Schau zu stellen, doch diesmal auf denkbar krasseste Art und Weise - selbst nach seinen haarsträubenden Standards.  ausgesprochen mutig, um nicht zu sagen selbstmörderisch. John Deacon hatte Freddie diesen Song, ebenso wie

Das erste Bild zeigt einen behaarten, bereiften Arm, der einen alten Staubsauger aus den 50er Jahren vor sich herschiebt. Dann erscheint ein perücketragender Freddie in einem rosafarbenen ärmellosen Pulli mit einem unglaublichen Paar falscher Brüste, einem Vinyl-Minirock, Strümpfen, Strapsen und Hackenschuhen. Er saugt um John Deacon herum, der in Damenkleidung auf einem Sofa sitzt und den Daily Mirror liest, und der für alle Welt wie die komische alte Dame aussieht, die Terry Jones früher in den Transvestiten-Sketchen von Monty-Python spielte. In einem vorstädtischen Wohnzimmer, das bis zum Rand mit Kitschobjekten gefüllt ist, einschließlich dreier Porzellanenten im Formationsflug, saugt Freddie Staub und schmollt und singt davon, wie er (sie) ausbrechen möchte ("I want to break free"). Roger Taylor posiert dabei am Herd als frühreifes Schulmädchen, und Brian May trippelt im rosa Nachthemd zum Kühlschrank. Ich kann mich noch genau an meine Reaktion erinnern, als ich das Video zum ersten Mal sah: Zuerst der Schock - was, verdammt noch mal, läuft denn hier ab? - dann das Entzücken, dann die Bewunderung, ob der schieren Frechheit und Komik des Ganzen. Eine Komik, die Freddie offensichtlich Riesenspaß machte - das vertrauliche Augenzwinkern in die Kamera, als er die ersten Zeilen singt, dann das hoheitsvolle Zurückwerfen des Kopfes, um eine verirrte Locke von der Stirn zu verbannen. Köstlich.

Dann, gerade wenn man denkt, tuntenhafter ginge es einfach nicht mehr, öffnet Freddie die Wohnzimmertür und enthüllt einen ganzen anderen Planeten Schwul! Das Vorstadthäuschen weicht einem Bühnenbild, das der englischen Nationaloper alle Ehre machen würde: Freddie, im schwarzweißen Catsuit, huldigt Nijinksky in Debussys L'Apres-Midi d'un Faune. Er bläst auf einem Horn, rollt über die bäuchlings ausgestreckten Körper der Statisten und hüpft von einem Felsen in ihre anbetend ausgestreckten Arme. Verrückt! Unglaublich komisch! Bewusst, brillant und total maniriert-schwul. Freddie Mercury pur.

Den Leuten in den Wohnzimmern des Mittelwestens jedoch ging dieser Sprung in Ironie und Schwulheit zu weit - zwei Konzepte, die dem transatlantischen Rock-and-Roll-Arbeiterpublikum immer noch relativ fremd sind. "Ich war gerade dort, als das Video zu I Want To Break Free herauskam," erinnerte sich Brian May Jahre später, "Es löste universellen Hass und Schock und Horror aus. Jeder sagte: 'Sie haben sich als Frauen verkleidet! Wie konnten sie das tun?' So etwas war in der Rock-and-Roll-Szene einfach nicht üblich und wurde nicht akzeptiert - Männer in Frauenklamotten auf Video, also bitte! Es war wirklich ein großer Schock. Ich glaube, dass dem amerikanischen Mittelwesten plötzlich klar wurde, dass Freddie tatsächlich schwul sein könnte. Das war schockierend. Das war nicht erlaubt. Eigentlich ein bisschen beängstigend..."

 

 

Obwohl diese Reaktion heutzutage kaum zu glauben ist, war sie leider nur allzu wahr. Im Zuge dieses brillanten, bahnbrechenden und witzigen Videos verlor Queen mehr oder weniger ihr amerikanisches Massenpublikum. "Das Problem an Queen", so der amerikanische Rockproduzent Arthur Baker, der mit New Order, Ash und vielen anderen britischen Gruppen zusammengearbeitet hat, "ist, dass die Band ihr Publikum stets verwirrt hat - vielleicht allzu sehr für das amerikanische Herzland. Als ich in den 70er Jahren in Boston aufwuchs, war Queen die irre Hardrockband, die man einfach mögen musste. Eine Zeitlang haben sie sogar Led Zeppelin verdrängt. Niemand hat jedoch kapiert, dass Freddie schwul war und dass seine Songs eine zweite, ganz andere Bedeutungsebene hatten. Sogar der Name "Queen" hat da nichts genützt. Es ist den Leuten einfach niemals in den Sinn gekommen. Oder die Band hat einfach alle bewusst getäuscht. Bis heute weiß ich nicht, welche Version ich glauben soll. Ich weiß nur dass Queen mich auf Zack gehalten hat: Ich hatte sie als Hardrock-Band eingeordnet, dann wurde Another One Bites The Dust zur meistgespielten Platte der R&B-Sender - ein riesiger schwarzer Radiohit. Dann sah ich das Video zu I Want To Break Free und, meine Güte, ich habe mich vor Lachen auf dem Boden gerollt! Es war das witzigsten, exaltierteste Popvideo aller Zeiten, aber außerhalb New Yorks und vielleicht der Westküste haben die Amerikaner es einfach nicht kapiert. Kerle in Frauenkleidung! Ein schwuler Rocksänger? Ehrlich - vergiss es!" Wie dem auch sei - wie Baker bestätigt, gibt es im zeitgenössischen Pop eigentlich nichts Vergleichbares. Wahrscheinlich weil niemand sonst die Fantasie, den Humor, die Vision und den Nerv hatte.

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