Um Freddie Mercury, das Pop-Chamäleon, in seinem eigentlichen Wesen zu verstehen, müssen wir uns zumindest oberflächlich in die Kindheit von Farrokh Bulsara zurückbegeben. Farrokh wurde am 5. September 1946 auf Sansibar, laut Reisebroschüren die Insel exotischer Gewürze, geboren. (Ich habe oft gedacht, dass er den Namen Farrokh für seine dynamische, kreative Zusammenarbeit mit Montserrat Caballé als Opernnamen wieder hätte annehmen sollen, um eine direkte semantische Umkehrung zu erzielen: King Farroukh anstatt Queen('s) Freddie.) Seine Eltern, Bomi und Jer Bulsara, stammten aus Gujarat in Westindien. Sie waren Parsi und somit Anhänger des Propheten Zarathustra.
Trotz seiner Geburt in Sansibar war Farrokh Bulsara alias Freddie Mercury durch und durch Inder: Er besuchte 10 Jahre lang das St. Peter's Internat in Bombay und kam erst im Alter von 17 Jahren nach England. Auch wenn er seine Herkunft stets heruntergespielt hat, sollte er unter anderem als Großbritanniens erster und größter indischer Popstar erinnert und gefeiert werden. (Interessanterweise sehen sich die Parsi eher als Perser und nicht als Inder, obwohl sie bereits vor über 1000 Jahren aus Persien geflohen sind. Auch Freddies Familie, gebürtige Inder mit britischem Pass, betrachtet sich als Teil der Parsi-Rasse - eine Unterscheidung, die die subtile, doch oft tief unter die haut gehende Diskrepanz zwischen Staatsbürgerschaft und religiösen Wurzeln hervorhebt.)
In Indien wurde die Saat für Freddies Leben im Showbusiness gelegt. Auf den hier abgebildeten Fotos sieht man ihn als Sportler (Best All Rounder und Medaillengewinner) und als Schauspieler in einer Aufführung in St. Peter's Boarding School, Indien - etwas übertrieben aussehend zwar, aber bereits im Mittelpunkt. Ein etwas älterer Freddie posiert genau in der Mitte der gänzlich aus indischen Mitgliedern bestehenden Kombo 'The Hectics', seiner ersten Gruppe, in der er Klavier spielte und seine ersten Gesangsversuche mit Liedern von Buddy Holly und Elvis Presley machte. Auf der Aufnahme von 1962 sitzt er dann auf einem Gartenstuhl im Schulgelände und gibt sich als selbstgestylter Gatsby-Typ, mit Sonnenbrille, weißem Hemd, gebügelter Hose und passenden Schuhen.
Das nächste Foto, das sechs Jahre später und auf einem ganz anderen Kontinent aufgenommen wurde, ist am faszinierendsten von allen. Unter dem dandyhaften Samthut ist das Haar jetzt länger und nicht mehr zurückgekämmt. in Jeans, T-Shirt und barfüßig hält er eine Fender-Stratocaster-Gitarre in eindeutig Jimi-Hendrix-ariger Pose. Er sieht völlig anders aus, verändert, auf seinem Weg in eine Richtung, die ihn weit vom St. Peter's Internat und von den Hectics wegführen wird; weit weg auch von seinem spartanisch eingerichteten Wohnzimmer in Feltham, unweit von Heathrow, Englands Tor zur Welt.
Freddie war 18, als die Bulsara-Familie vor der Revolution, die Indien die Unabhängigkeit von der britischen Vorherrschaft verschaffte, floh und nach England zog. Als Jugendlicher, der plötzlich von einer Kultur in die andere eintauchte, scheint es Freddie nicht besonders schwer gefallen zu sein, sich an sein neues Leben anzupassen. 1966 besuchte er das Ealing College of Art und folgte somit den Fußstapfen von Pete Townshend von The Who und Ron Wood, Gitarrist bei den Faces und später den Rolling Stones. 1969 verließ er das College mit einem Diplom in Grafik & Desing.
In diesen drei Jahren, in denen Freddie Kunst studierte, hatte sich die Grundrichtung der Popwelt verändert. Von einer Mietwohnung in Kensington aus tastete Freddie Bulsara sich erstmals in die aufkeimende Londoner psychedelische Gegenkultur vor. Er kaufte bei Biba, dem schicksten Warenhaus des "swinging London" und auf dem Kensington Market, und kleidete sich in Samt und Seide wie sein Held, Jimi Hendrix.
Später hatte er hier zusammen mit seinem neuen Freund Roger Taylor einen Marktstand, an dem er antike Seidenschals, Pelzmäntel, exotische Stoffe sowie die Kunstwerke von Freddie und den interessanteren Mitstudenten des Ealing Art College verkaufte. "Wir haben sogar Freddie Diplomarbeit verkauft", erzählte Taylor der Zeitschrift Mojo, "die gänzlich auf Hendrix basierte. Es gab ein paar schöne Sachen - zum Beispiel ein Planetscape, und er hatte den Text zu Third Sonte frome the Sun geschrieben." Freddie, der zusammen mit Taylor jetzt auch volles Queen-Mitglied war, gab zu, neun Abende hintereinander zu einem Live-Auftritt von Hendrix gegangen zu sein, "eine Show nach der anderen". Angesichts Freddies späterer Karriere kann man vermuten, dass es neben der explosiven Musik des Mannes auch das image von Hendrix war, das ihn so fasziniert hat.
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war die Bühnenpersönlichkeit von Jimi Hendrix, wie selbst ein flüchtiger Blick auf alte Filmausschnitte zeigt, von hypnotischer und fast an Schamanismus grenzender Wirkung. Er bewegte sich im Reich der Extreme und des Paradoxen: androgyn und doch mit ausgeprägt sexueller Ausstrahlung; zerbrechlich und doch explosiv leidenschaftlich und gewaltsam; ein Gespenst in femininen Seidenschals und hautengen Samthosen, der gelegentlich seine Gitarre anzündete und anschließend einen höchst detailgetreuen Geschlechtsakt an ihr vorspielte. Der Einfluss von Hendrix auf das britische Pop-Publikum und die katalytische Wirkung, die er auf die vielen Künstler hatte, die zu Massen in seine Shows strömten, kann nicht genug hervorgehoben werden. Brian Jones und John Lennon, die zum frühen Tod verdammten Vorreiter des psychedelischen Pop, waren ständig vor der Bühne zu finden - genau wie der junge, noch richtungslose Rocksänger Freddie Mercury.