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I want it all

Der Begriff "mercurial" bedeutet zu Deutsch "impulsiv, sprunghaft, schwungvoll". Es wäre nicht übertrieben zusagen, dass Freddie Mercury, der Mann ebenso wie das Pop-Chamäleon, seinem angenommenen Namen alle Ehre machte. Er lebte ein kompliziertes Leben, dass durch scheinbare Widersprüche gekennzeichnet war. Obwohl er Großbritanniens erster indischer Popstar war, hielt er seine Abstammung aus Sansibar und Indien auf fast paranoide Weise geheim - sein erster Publizist kannte noch nicht einmal seinen wirklichen Namen. Betrachtet man Farrokh Bulsara auf einigen Fotos aus seiner frühen Jugend, sieht man unschwer, wo seine Unsicherheit und sein damit verbundenes Bedürfnis, akzeptiert und geliebt zu werden, herrühren (Freudsche Psychoanalysten würden sagen, dass die - und nicht Ehrgeiz - der ausschlaggebende Faktor beim Willen zum Erfolg ist.) Selbst als Gatsby-Held gekleidet auf einem Gartenstuhl sitzend sieht er ungelenk und etwas unbehaglich aus. Seine vorstehenden Zähne, die ihm in der St. Peter's School den Kosenamen "Bucky" einbrachten, waren eine lebenslange Quelle des Unbehagens, doch fürchtete er, dass ein kosmetischer Eingriff das Timbre seiner Gesangsstimme verändern könnte.

In einer Welt, in der England und Amerika seit Presley die vorherrschenden, physischen Rollenmodelle für den Rock-and-Roll-Look geliefert hatten, muss ihm sein ethnisches und kulturelles Anderssein als Last erschienen sein - eine Last, über die er vielleicht nie ganz hinweggekommen ist. Ein derartig tiefverwurzeltes Gefühl des Andersseins jedoch ist die Grundlage des Star-Seins. Und weil Pop eine Arena ist, die Anderssein ermutigt und feiert, weil Außenseiter hier nicht nur ein Zuhause, sondern ein riesiges, empathisches Publikum finden können, ist das Leben in der Pop-Welt fast immer ein schwieriges, widersprüchliches Leben. In all seinen Widersprüchen, in seinem unerschütterlichen Glauben ans sich selbst und seiner daraus folgenden Unsicherheit, war Freddie Mercury nicht einzigartig. Und doch war das Leben, besonders nach seinem anfänglichen Erfolg, einzigartig und kompliziert. Seine erste große und dauerhafte romantische Beziehung war mit einer Frau, Mary Austin. Sie lebten als Freund und Freundin zusammen, er als aufmerksamkeitserregender Extrovertierter, sie als ruhige, nachdenkliche Introvertierte. Eine gegensätzlichere andere Hälfte für Freddie als Mary Austin ist kaum vorstellbar. Und doch war ihre Freundschaft, ihre Liebe, von Dauer.

Mary lernte Freddie kennen, bevor er berühmt war, als Queen sich noch in der embryonischen Phase befand und die Bandmitglieder zusammen probten und versuchten, die Anfänge eines Sounds zusammenzuklempnern. Zuerst sah sie ihn als eine "Kaleidoskop-Persönlichkeit", als jemand, der "mir die Augen für viel Farbe geöffnet hat... ersah die Ironie des Lebens, er suchte nach der humorvollen Seite. Die dunklere Seite mochte er nicht". Später, als er berühmter wurde und seine einst unterdrückte Sexualität aufblühte, endete ihre Liebesbeziehung, so Freddies eigenen Worte, "in Tränen". Für die beiden spricht, dass sie enge Freunde blieben - so eng, wie dies zwischen Mann und Frau ohne ein körperliches Element in einer Beziehung nur möglich ist. "Eine tiefe Bindung ist daraus (unserer Liebesbeziehung) entstanden und niemand kann uns das nehmen. Es ist unerreichbar," gab er einmal zu, und fügte hinzu, als hätten wir die Botschaft nicht ganz verstanden, "Alle meine Liebhaber fragten mich, warum sie Mary nicht ersetzen konnten, aber das ist einfach nicht möglich".

Wir haben es hier mit höchst komplizierten Verhältnissen zu tun. Ein homosexueller Mann, der zugibt, "mehr Liebhaber gehabt zu haben als Liz Taylor", hält an einem zutiefst heterosexuellen Ideal von immerwährender romantischer Liebe fest. Vielleicht wollte Freddie in der Liebe ebenso wie im Leben einfach alles ("I want it all"), und mit Mary Austin kam er der romantischen Idealvorstellung des perfekten Paares, die trotz seiner Promiskuität offensichtlich anzog, so nahe wie er eben konnte. Der Fernsehsprecher und Kulturkommentator Waldemar Januszczak schrieb in einem Artikel über Freddie in der Sunday Times im November 1996, der anlässlich einer Fotoausstellung über Freddies Leben in der Albert Hall erschien: "Obwohl er sich privat ungeheuer schwul gab, ist Freddie in der Öffentlichkeit stets recht verschämt mit seiner Sexualität umgegangen. nein, nicht verschämt, irreführend. Vor seinen Eltern hielt er sie zweifellos verborgen. Auf allen Fotos, die ich von den vielen Bulsara-Familientreffen gesehen habe, an denen er teilgenommen hat, ist er in Begleitung von Mary Austin, der ehemaligen Boutique-Eigentümerin, die er sehr gern hatte, mit der er einst gelebt hatte und der er den Großteil seines Nachlasses vermachte. Jim Hutton hingegen, sein Liebhaber, mit dem er zusammenlebte und der ihn während der schlimmsten Jahre seiner Krankheit gepflegt hat, ist nirgends zu sehen."


Nachdem er zumindest sexuell mit Mary Austin gebrochen hatte und sein Erfolg wuchs, umgab er sich mit einem Gefolge aus echten Freunden und Bewunderern, sowie Möchte-Gern-Freiern und Mitläufern. Dieses Gefolge wurde als "Hof des Königs", "Court of King" bekannt - obwohl es ja eigentlich "Court of Queen" hätte heißen müssen. Er gab extravagante Partys in München, New York und vor allem in Garden Lodge, seinem Haus in London. Eine Zeitlang war er, auf der Bühne wie privat, Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit - eine lebendige, atmende, überlebensgroße Illustration des Begriffs "party animal". Dieses Leben zehrte natürlich an ihm, emotional wie körperlich. "Meine Affären sind nie dauerhaft", sagte er einmal mit Bedauern, "Ich muss ein destruktives Element in mir haben, denn ich versuche wirklich hart, Beziehungen aufzubauen, aber irgendwie vertreibe ich die Leute... Liebe ist Russisches Roulette für mich. Niemand liebt mein wahres Ich, alle sind nur in meine Berühmtheit und meinen Ruhm verliebt".

Liebe ist Russisches Roulette für mich. Junge! Eine Zeitlang spielte er damals, wie er mehr als einmal selbst zugegeben hat, buchstäblich Russisches Roulette in den wilden Schwulen-Clubs von New York und München - nicht in London, wo er einfach zu bekannt war, um nicht ständig die Aufmerksamkeit wohlmeinender Fans und nicht so wohlmeinender Paparazzi auf sich zu ziehen. Bereits 1976, auf der zweiten Queen-Amerikatournee, erzählte er dem Zeitungsreporter Rock Sky: "Exzess ist Teil meiner Natur, Langweiligkeit ist wie eine Krankheit für mich. Ich brauche Gefahr und Spannung... Ich bin ein sehr sexuell Mensch... Ich umgebe mich gern mit merkwürdigen und interessanten Menschen, weil sie mir das Gefühl geben, intensiver zu leben. Extrem konventionelle Menschen langweilen mich zu Tode. Ich liebe ausgeflippte Leute um mich."

Zu diesem Zweck tauchte er tief in eine unterirdische Welt ab, in der Gelegenheitssex keine Option, sondern Voraussetzung war. Beim Sex ging er, wie in fast allen anderen Bereichen, bewusst Risiken ein. Aber wie wir heute wissen, war die Gefahr in den 80er Jahren extrem groß - bei diesem Spiel ging es buchstäblich um Leben und Tod. "Er ging dorthin, wo selbst Engel sich fürchteten," erzählte Rick Sky Freddies Biografin, Lesley-Ann Jones, "Er war einer dieser kultivierten Menschen, die sich gern unter das gemeine Volk mischen. Sine perfekte Fantasie wäre es, einen Mietjungen in die Oper auszuführen." 1987, als er nach einer wilden, hedonistischen Zeit in München mehr oder weniger zur Ruhe gekommen war und wieder in London lebte, führte er sich stattdessen selbst in die Oper und kam mit einer Diva wieder nach Hause. Dies war das letzt und unwahrscheinlichste aller großen Projekte, die Freddie Mercury in seinem relativ kurzen, vollen, ereignisreichen Leben unternommen hat.

 

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